Was geht in München?

Die Feierlichkeiten zum 850. Stadtgeburtstag gehen in die nächste Runde. Bevor am 19. und 20. Juli beim Altstadtringfest und vom 1. bis 3. August beim Isarbrückenfest die ganz großen Massen unterwegs sind, gerät am 5. und 6. Juli der St.-Jakobs-Platz ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Unter dem Motto “Nachbarn bauen Brücken” öffnen Institutionen und Anrainer erstmals gemeinsam ihre Türen. Anders als bei den Riesenveranstaltungen, wo man in schöner Regelmäßigkeit zwischen Nippes und den üblichen Bier- und Wurstbuden spazieren geht, verspricht dieses Wochenende ein wenig Abwechslung im ansonsten nicht immer inspirierten Geburtstagsprogramm der Stadt München. Im Orag-Haus begegnen sich Künstler und Kunsthandwerker, es gibt Kunstinstallationen zwischen Jüdischem Museum und Angerkloster zu sehen und viel klassische Musik zu hören. Abends dann ein Konzert mit, nun ja, Franz Benton, und als Schlusspunkt spielt das Münchner Kammerorchester mit Christine Schäfer auf (dies allerdings nur für zahlende Gäste). Die solide ortsansässige Gastronomie sorgt für Speis und Trank. Lohnend vielleicht auch, einfach mal über diesen Platz zu flanieren, der noch vor wenigen Jahren einer der hässlichsten der Stadt war und heute einer der vitalsten und urbansten ist.

Plattentipp: Mathias Eick

mathias eick the door

Das Münchner Label ECM ist immer für spannende musikalische Entdeckungen im Umfeld von Jazz, Weltmusik und Klassik gut. Vor ein paar Wochen hat dort der norwegische Trompeter Mathias Eick sein Debutalbum “The Door” veröffentlicht. Der 28-jährige hat sich in den letzten Jahren mit seinem lyrischen Stil einen guten Namen gemacht, zählt Miles Davis, Thomasz Stanko oder Nils Petter Molvaer zu seinen Vorbildern und spielt seit vergangenem Jahr in der erfolgreichen Band von Manu Katché. Das gibt dann auch die Richtung für seine eigene Musik vor. Auf “The Door” offeriert er ungemein zugänglichen, atmosphärischen Jazz, der sich nicht nur in epischen Klanggemälden erschöpft, sondern berührend vitale Bögen schlägt. Eick wird begleitet vom Pianisten Jon Balke, Schlagzeuger Audun Kleive und Bassist Audun Erlien. Zwischendurch sind Gitarre und Vibraphon zu hören. Routine schleicht sich hier nicht ein - die Musik atmet hörbare Frische und verarbeitet auch Pop-Elemente zu einem stimmigen Ganzen. Schön, wie sich hier der Jazz quasi von selbst in größter Leichtigkeit neu erfindet.

Mathias Eick bei Myspace

Mathias Eick bei ECM

Filmstart der Woche: Happy-Go-Lucky

Der Regisseur Mike Leigh, bekannt als Vertreter des sozialkritischen und eher schwer verdaulichen britischen Kinos, überrascht in “Happy-Go-Lucky” mit ungewohnter Leichtigkeit. Seiner wunderbaren Hauptdarstellerin Sally Hawkins verhalf er damit auf der Berlinale zur Auszeichnung als beste Hauptdarstellerin. Und wie immer, wenn man in den vollen Genuss der schauspielerischen Tour-de-Force kommen möchte, gilt: Möglichst die Originalversion anschauen. Sally Hawkins spielt Polly, eine 30-jährige Grundschullehrerin, die mit unbändiger Energie und guter Laune ihrer Umwelt meistens gehörig auf den Keks geht. Leigh erzählt ohne stringente Handlung Episoden aus dem Alltag seiner Hauptfigur und spielt souverän mit der Haltung seines Publikums. So wie die Überschwänglichkeit und die unerschütterlich positive Weltsicht von Polly einem selbst auf die Nerven gehen kann, so stellt sie doch ständig die eigene Haltung in Frage. Und man kann es drehen und wenden wie man will: Am Ende kommt man gut gelaunt aus dem Kino.

Offizielle Filmseite

Auch ab 3. Juli neu im Kino:

Auge in Auge - Eine deutsche Filmgeschichte
After Effect
Hancock
Grind House
Kung Fu Panda
Tapas Mixtas
Water Lilies - Der Liebe auf der Spur

Bachmannpreis

Am vergangenen Samstag ist der Berliner Autor Tilman Rammstedt mit dem diesjährigen Bachmann-Preis ausgezeichnet worden. Die Veranstaltung in Klagenfurt, angesiedelt irgendwo zwischen Literaturbetriebsausflug und Wortspielplatz der Intellektuellen, nahm diesmal unter der Moderation des arg bemüht agierenden Dieter Moor eine Wendung hin zu mehr medialer Öffnung. So werden die Autoren jetzt in kurzen Videoclips vorgestellt, sämtliche Lesungen sind im Internet zu sehen. Das ist erfreulich, auch wenn die diesjährige Preisvergabe ein wenig diskursscheu wirkt, zählt der Berliner Tilman Rammstedt doch mit seinen Romanen “Erledigungen vor der Feier” und “Wir bleiben in der Nähe” sowie als Mitglied der Combo “Fön” schon seit einigen Jahren zu den treffsicheren Autoren im deutschsprachigen Raum. Eine eher publikumswirksame Entscheidung also - bezeichnenderweise hat Rammstedt mit seiner Lesung aus seinem neuen Roman “Der Kaiser von China” gleich noch den Publikumspreis mitgenommen. Vielleicht aber auch ein Hinweis darauf, dass in Klagenfurt jetzt endlich Autoren ausgezeichnet werden, die ihre Leser finden und nicht nach ein paar Monaten wieder in der staubigen Versenkung der Antiquariate verschwinden. Die Lesung von Tilman Rammstedt und weiteren Teilnehmern, sowie sämtliche Infos finden sich auf der Webseite des Bachmann-Preises.

Satz des Tages

“Das sind ja alles surrealistische Sätze! Ich wäre ein richtig guter Surrealist gewesen, aber ich war ja so ein Einzelidiot!”


Herbert Achternbusch
anlässlich der Sichtung seiner Filme für die SZ zur Retrospektive beim Münchner Filmfest.

Band der Woche: The Virgins

Vorsicht, Hype-Gefahr! Aus New York kommt die junge Band The Virgins mit herrlichem Schrammel-Gitarren-Disco-Postpoprock, der schwerstens die 80er beleiht. Das Debutalbum ist gerade erschienen, an potentiellen Ohrwürmern herrscht kein Mangel. Wie lange das hält - keine Ahung. Aber eine schönere Single als “Private Affair” kann man sich zum Sommer kaum wünschen:


The Virgins Official

The Virgins bei Myspace

Ausflug gefällig?

franz marc museum

Kunstinteressierte zieht es derzeit wieder verstärkt ins “Blaue Land” zwischen Kochel- und Walchensee. Grund ist die Wiedereröffnung des Franz-Marc-Museums in Kochel am See (Foto: © Roger Frei). Mit einem neuen Anbau präsentiert das Haus nun endlich angemessen die Werke Franz Marcs und schlägt gelungen den Bogen zwischen dem “Blauen Reiter” und parallelen küntlerischen Zeitströmungen inklusive deren Wirkkraft. Ein besonderes Highlight sind die vielen Ausblicke, die den geschlossenen Kunstraum zur Natur hin öffnen und die eindrucksvolle Seenlandschaft zwischen Herzogstand und Heimgarten als Einflussgeber der Künstler unmittelbar begreifbar machen. Ein empfehlenswerter Ausflug also auch im Sommer, vielleicht im Anschluss an die Bergtour oder das Badevergnügen.

Neues von Sigur Rós

Die Combo Sigur Rós aus Island hat ihr neues Album veröffentlicht. Unter dem wenig eingängigen Titel “Með suð í eyrum við spilum endalaust” verfolgen sie die in den letzten Jahren eingeschlagene Richtung weiter, d.h. weniger Bombast, akustischeres Klangbild, verspielter als auf früheren Alben. Fast schon poppig, aber halt auf die isländische Weise. Das komplette, durchaus gelungene Album kann man hier als Stream hören.

Mixtape

Nicht verpassen: Heute ist das neue Cultpilot-Mixtape auf Byte.FM zu hören. Von 17 bis 18 Uhr gibt es diesmal fast ausschließlich neu erschienene Musik quer durch sämtliche Stilrichtungen, vom Postpunkt von My Federation über Gustavs fröhlich gestimmte Endzeitlieder bis hin zu Marc Ribots jüngsten Gitarrengewittern, und nicht zu vergessen: Die Münchner Neuentdeckung Rosalie & Jakob. Und natürlich noch viel mehr…

Filmstart der Woche: Rückkehr in die Normandie

Der französische Dokumentarfilmer Nicolas Philibert ist vor ein paar Jahren durch die anrührende Studie “Sein und Haben” über eine Zwergenschule in der Provinz bekannt geworden. In seinem neuen Film kehrt er in ein Dorf in der Normandie zurück, in dem er vor dreißig Jahren als Regieassistent Dreharbeiten zur einem Historienfilm von René Allio begleitete, der auf einem tatsächlichen Mordfall beruhte und in dem ein Großteil der Dorfbewohner als Laiendarsteller mitwirkte. Wie schon im Vorgängerfilm behandelt Philibert auch hier wieder die großen Themen Zeit, Vergänglichkeit und Erinnerung auf äußerst subtile und gerade deshalb so anrührende und nachwirkende Weise. Er nimmt sich viel Zeit, klebt nicht sklavisch an seinem Thema, sondern schaut und hört zu, erzählt und lässt erzählen. So wird die “Rückkehr in die Normandie” nach und nach zu einem Film über das Leben an sich.


Offizielle Filmseite

Auch ab 26. Juni neu im Kino:

All The Boys Love Mandy Lane
Charlie Bartlett
Die Frau und der Fremde
La Paloma
Maroa
Ruinen
XXY